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[ 2026 ]
Reduzierte Linienzeichnung: eine Person sitzt seitlich an einem Schreibtisch, Schallbögen laufen auf ein Wandpaneel zu und werden dabei schwächer

Akustik

Akustik früh mitdenken – vom Mindeststandard zur Wirkung

Andreas Römer · 11.09.2026 · 7 min

Akustik ist eine Entscheidung, keine Nachrüstung

Die meisten Akustikprobleme, die wir in Bestandsflächen sehen, sind keine Fehler in der Ausführung. Sie sind Entscheidungen, die früh getroffen wurden, ohne dass jemand sie als akustische Entscheidungen erkannt hätte: die Sichtbetondecke, die frei bleiben sollte. Die Glastrennwände statt geschlossener Elemente. Der Estrich ohne Bodenbelag. Der Verzicht auf ein abgehängtes Element, weil die Raumhöhe knapp war.

Jede einzelne dieser Entscheidungen ist gestalterisch oder wirtschaftlich nachvollziehbar. In Summe ergeben sie einen Raum, der zu lange nachklingt – und der sich später nur noch mit sichtbarem Aufwand korrigieren lässt. Das ist der Kern: Akustik ist zu dem Zeitpunkt am günstigsten, an dem sie noch nichts kostet, weil noch nichts gebaut ist.

Was der Mindeststandard tatsächlich verlangt

Zwei Regelwerke geben den Rahmen vor, und sie tun das unterschiedlich.

DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen” (Ausgabe 2016-03) gilt für Räume bis etwa 5.000 m³ und unterscheidet zwei Raumgruppen. Räume der Gruppe A sind solche, in denen über mittlere und größere Entfernungen kommuniziert wird – Besprechungs- und Seminarräume etwa. Für sie gibt die Norm eine Soll-Nachhallzeit vor, abhängig von Nutzungsart und Raumvolumen, nachzuweisen über die Frequenz. Räume der Gruppe B sind solche mit Kommunikation über kurze Entfernungen; hier fallen klassische Büroräume hinein. Für sie nennt die Norm keine Soll-Nachhallzeit, sondern empfiehlt ein Mindestverhältnis von äquivalenter Absorptionsfläche zu Raumvolumen. Ziel ist nicht Sprachverständlichkeit über den ganzen Raum, sondern ein gesenkter Grundgeräuschpegel.

VDI 2569 „Schallschutz und akustische Gestaltung in Büros” (Ausgabe 2019-10) wird für Büroflächen konkreter. Sie führt drei Raumakustikklassen ein: A für hohe Erwartungen und sehr gute Bedingungen, B für gute Bedingungen mit gelegentlich erhöhter Höranstrengung, C für befriedigende Bedingungen, die bei Telefonaten und Besprechungen zu Beschwerden führen können. Klasse B ist in der Praxis der übliche Zielwert und wird auch in Gebäudezertifizierungen als Mindestanforderung herangezogen.

Der Punkt, der in Projekten regelmäßig untergeht: Diese Werte sind Mindeststandards. Ein Raum, der sie erfüllt, ist normkonform. Ob er sich gut arbeiten lässt, ist damit noch nicht beantwortet.

Warum die Nachhallzeit die Leitkennzahl ist – und wo sie aufhört zu genügen

Die Nachhallzeit beschreibt, wie lange ein Schallereignis im Raum nachklingt, bis der Pegel um 60 Dezibel gefallen ist. Sie ist die Kennzahl, an der alles andere hängt: Solange sie nicht stimmt, bringt jede weitere Optimierung wenig. Sie ist außerdem die einzige akustische Größe, die sich früh und mit vertretbarem Aufwand aus einer Planung heraus abschätzen lässt.

Ihre Grenze erreicht sie im großen Mehrpersonenbüro. Dort beschreibt eine einzelne Zahl für den ganzen Raum die Wirklichkeit nicht mehr – entscheidend ist, wie weit sich Sprache über die Fläche trägt. VDI 2569 zieht dafür zwei zusätzliche Kenngrößen heran: die räumliche Abklingrate, also die Pegelabnahme je Abstandsverdopplung, und den Sprachpegel in vier Metern Entfernung. Beide bilden ab, was Mitarbeitende tatsächlich als Störung erleben: nicht den Hall, sondern die verständliche Stimme drei Tische weiter.

Praktisch heißt das: In Einzelbüros und kleinen Besprechungsräumen führt die Nachhallzeit zuverlässig zum Ziel. In offenen Flächen ist sie die notwendige Grundlage, nicht die vollständige Antwort. Dort geht es zusätzlich um Abschirmung und Zonierung – die Themen, die wir in den Akustik-Grundlagen beschrieben haben.

Reduzierte Linienzeichnung: Raumschnitt eines Büros mit zwei Personen am Tisch, links hohe Schallbögen, rechts unter einem Deckensegel eine flach auslaufende Welle

Rechnen, solange sich die Planung noch ändern lässt

Der übliche Ablauf sieht so aus: Erst wird eingerichtet, dann wird geklagt, dann wird gemessen, dann wird nachgerüstet. Jeder dieser Schritte kostet Geld, und der letzte kostet am meisten – weil nachträgliche Absorber selten dort hinkommen, wo sie am wirksamsten wären, sondern dorthin, wo noch Platz ist.

Wir gehen den umgekehrten Weg und rechnen, bevor entschieden wird. Dafür nutzen wir ein eigenes Werkzeug, das die akustische Bewertung an die Einrichtungsplanung koppelt – in dem Detailgrad, den das Projekt zum jeweiligen Zeitpunkt hergibt.

Früh, wenn nur der Grundriss vorliegt. In der ersten Phase existieren meist weder Messwerte noch fertige Materialentscheidungen. Für eine belastbare Richtung reicht das bereits: Aus Geometrie, Raumvolumen und den vorgesehenen Oberflächen lässt sich die zu erwartende Nachhallzeit überschlägig ermitteln. Das Ergebnis ist keine Nachkommastelle, sondern eine Aussage darüber, ob ein Raum in seiner geplanten Form funktionieren wird oder ob nachgesteuert werden muss. Genau diese Aussage braucht man früh – sie entscheidet mit über Deckenaufbau, Bodenbelag und Möblierungsdichte, also über Dinge, die später nur noch teuer zu ändern sind.

Genauer, wenn der Raum schon steht. Bei Bestandsflächen arbeiten wir nicht mit Annahmen, sondern mit gemessenen Werten. Diese Messdaten fließen direkt in die Berechnung ein, sodass die Bewertung auf dem realen Zustand des Raums aufsetzt und nicht auf einem idealisierten Modell. Der Unterschied ist erheblich: Ein Raum mit Teppich, halb gefüllten Regalen und einer akustisch wirksamen Bestandsdecke verhält sich anders als derselbe Raum auf dem Plan.

Und dann die Frage, die über die Wirkung entscheidet: wohin. Absorptionsfläche allein sagt wenig aus, solange nicht geklärt ist, wo sie liegt. Über eine Schallsimulation bilden wir ab, wie sich Schall im konkreten Raum ausbreitet, wo er sich sammelt und an welchen Flächen er reflektiert wird. Auf dieser Grundlage lassen sich Maßnahmen dort positionieren, wo sie am meisten bewirken – statt gleichmäßig verteilt über die verfügbare Fläche. In der Praxis heißt das häufig: weniger Material an der richtigen Stelle schlägt mehr Material an der bequemen Stelle.

Der eigentliche Gewinn liegt im Vergleich. Weil sich Varianten durchrechnen lassen, bevor bestellt wird, wird aus einer Geschmacksfrage eine Entscheidungsgrundlage: Deckensegel oder Wandabsorber, zwei Elemente mehr oder ein anderes Material, Trennwände oder Zonierung. Sie sehen, was die jeweilige Variante bringt – und was sie nicht bringt.

Wo es um verbindliche Nachweise geht, um besondere Anforderungen oder um komplexe Geometrien, arbeiten wir mit Akustikbüros aus unserem Netzwerk zusammen. Der Anspruch ist nicht, alles selbst zu machen – sondern früh genug zu erkennen, worauf es im jeweiligen Projekt ankommt.

Vom Mindeststandard zur Wirkung

Eine erfüllte Norm ist eine gute Ausgangslage und ein schlechtes Ziel. Sie sagt, dass ein Raum nicht zu hallig ist. Sie sagt nichts darüber, ob jemand darin eine Stunde konzentriert arbeiten kann, ohne Kopfhörer aufzusetzen. Ob ein Telefonat geführt werden kann, ohne dass drei Menschen mithören. Ob Austausch möglich ist, ohne dass er andere unterbricht.

Diese Fragen beantwortet keine Kennzahl allein. Sie werden beantwortet, indem man versteht, wie in diesen Räumen gearbeitet wird – und die Akustik danach auslegt, statt nach dem, was gerade noch zulässig ist.

Genau deshalb gehört Akustik an den Anfang eines Projekts, nicht ans Ende. Wer sie früh mitdenkt, hat die Wahl zwischen Lösungen. Wer sie nachrüstet, hat nur noch die Wahl zwischen Kompromissen.

[ über den autor ]
Andreas Römer, Gründer von wørkstudio+

Andreas Römer – Gründer

Andreas Römer begleitet seit über 25 Jahren Projekte in der Möbel- und Objekteinrichtungsbranche – vom Designmöbel-Vertrieb (u. a. als Sales Manager bei Fritz Hansen) bis zum Objektgeschäft mit Büro- und Hotelprojekten. Seine fachlichen Schwerpunkte sind Raumakustik und Nachhaltigkeit. Staatlich geprüfter Betriebswirt der Fachrichtung Möbelhandel.

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