
Nachhaltigkeit
Welches Siegel braucht Ihr Projekt wirklich? Vergleichen statt sammeln
Hunderte Siegel, kein „bestes”
Wer für ein Projekt Nachhaltigkeit nachweisen will, stößt schnell auf eine verwirrende Vielfalt: EU-weit existieren mehrere hundert Umweltlabels, vom international bekannten Siegel bis zur regionalen Auszeichnung. Die naheliegende Frage – „welches ist das beste?” – führt dabei in die Irre. Denn die Labels lassen sich nicht in eine Rangliste bringen. Sie prüfen schlicht Unterschiedliches.
Das eine misst Schadstoffemissionen, das andere die Offenlegung von Inhaltsstoffen, ein drittes soziale Bedingungen in der Lieferkette, ein viertes die Herkunft des Holzes. Manche bewerten ein einzelnes Produkt, andere ganze Produktfamilien, wieder andere ein ganzes Gebäude. Ein Siegel ist deshalb kein Qualitätsurteil, sondern eine Antwort auf eine bestimmte Frage. Die eigentliche Aufgabe lautet: Welche Frage stellt mein Projekt?
Was die gängigen Systeme tatsächlich prüfen
Ein grober Überblick hilft, die Landschaft zu ordnen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
- GreenGuard prüft die Schadstoffemissionen (VOC) des fertigen Produkts. Es geht um Innenraumluft und damit um die Gesundheit der Menschen, die den Raum nutzen. Für Sitzmöbel ist es vergleichsweise gut erreichbar.
- EU Ecolabel („Grüne Blume”) ist ein breites Produktlabel mit Kriterien zu gefährlichen Substanzen, Materialien (etwa zertifiziertes Holz, Rezyklat-Anteile, PVC-Verzicht), Reparierbarkeit und Demontierbarkeit.
- GECA (aus Australien) ist bekannt für seinen starken Anteil an Sozialkriterien und prüft die Lieferkette real vor Ort.
- Level (aus der Möbelbranche, BIFMA/FEMB) bewertet auf Ebene von Produktfamilien und liefert Punkte für Gebäudezertifizierungen.
- Cradle to Cradle (C2C) zertifiziert vor allem die Transparenz über die Inhaltsstoffe, in abgestuften Offenlegungsstufen.
Schon an dieser kurzen Liste sieht man: Diese Systeme sind nicht gegeneinander austauschbar. Ein Produkt mit GreenGuard sagt etwas über die Raumluft, eines mit GECA etwas über die Lieferkette – beides ist wertvoll, aber es ist nicht dasselbe.
Die nützliche Frage: Was will ich wissen?
Statt Siegel zu sammeln, lohnt es, vom Bedarf her zu denken. Geht es im Projekt um gesunde Innenräume? Dann ist ein Emissionsnachweis relevant. Geht es um eine Gebäudezertifizierung? Dann zählt, welche Punkte ein Produkt dafür liefert. Verlangt eine öffentliche Ausschreibung ein bestimmtes Label? Dann ist die Frage, ob das vorhandene Label dieselben oder strengere Parameter abdeckt.
Beim Bewerten eines Zertifikats helfen ein paar Leitfragen: Welcher Label-Typ ist es (ein drittgeprüftes Kriterienlabel, eine Selbstdeklaration oder eine geprüfte Kennzahl)? Auf welcher Ebene gilt es (Produkt, Familie, Gebäude)? Was genau prüft es – und was nicht? Ist es drittgeprüft oder selbst erklärt? Diese vier Fragen ordnen fast jedes Siegel sauber ein.
Wenn das Projekt ein Label fordert, das niemand hat
Ein häufiger Fall in der Praxis: Eine Ausschreibung verlangt ausdrücklich Label X, das gewünschte Produkt trägt aber nur Label Y. Das ist kein Ausschlussgrund – man muss es nur sauber argumentieren können.
Viele der seriösen Kriterienlabels sind über ein gemeinsames Dach verbunden, das Global Ecolabelling Network (GEN). Entscheidend ist dabei nicht ein simples „Label A erkennt Label B an”, sondern der gemeinsame methodische Nenner: Die Vollmitglieder betreiben jeweils ein Programm nach derselben Norm (ISO 14024) und haben ein gegenseitiges Begutachtungsverfahren (GENICES) durchlaufen. Damit ist belegbar, dass zwei solche Labels denselben Themenkanon über den Lebenszyklus prüfen – nicht identisch, aber methodisch vergleichbar.
Die Argumentation für eine Ausschreibung lautet dann: Sind das geforderte und das vorhandene Label beide GEN-Mitglieder? Prüfen beide denselben Kanon? Wenn ja, lässt sich Gleichwertigkeit sauber belegen. Wichtig ist die ehrliche Abgrenzung: Das funktioniert zwischen vergleichbaren Kriterienlabels. Ein Emissionsnachweis, eine EPD oder ein Herkunftsnachweis für Holz folgen anderen Prinzipien und lassen sich nicht über denselben Mechanismus ersetzen. Und ob ein Label tatsächlich gelistet ist, prüft man im Einzelfall – die Listen ändern sich.
Der Haken: kein Produkt trägt alles
Damit zum unbequemen Teil. Kein Produkt trägt jedes Label, und die Labels sind untereinander nicht direkt vergleichbar. Für ein konkretes Projekt heißt das: Man wird das exakt geforderte Siegel oft nicht für jedes Produkt bekommen. Manche Hersteller setzen aus Kosten- oder Strategiegründen nur auf wenige Labels, manche zertifizieren nur Teile ihres Sortiments.
Ein fehlendes Siegel bedeutet dabei nicht automatisch ein schlechteres Produkt – es ist häufig eine Strategie- oder Kostenfrage. Die belastbare Vorgehensweise ist deshalb nicht, das eine perfekte Label zu suchen, sondern: zu bewerten, was vorhanden ist, die Labels nach dem zu ordnen, was sie prüfen, und wo nötig die Gleichwertigkeit eines vorhandenen Labels sauber zu begründen. Was man dabei nie tun sollte, ist Gleichwertigkeit als Identität zu verkaufen. „Anerkannt und methodisch vergleichbar” ist die ehrliche und tragfähige Formulierung – „dasselbe wie X” wäre angreifbar.
Was das für Ihr Projekt bedeutet
Umweltlabels sind ein Werkzeugkasten, kein Notensystem. Ihr Nutzen entsteht erst, wenn man weiß, welches Werkzeug welche Frage beantwortet – und wie man eine Anforderung erfüllt, ohne genau das geforderte Logo zu besitzen.
Genau hier unterstützen wir Sie: Wenn Sie ein Projekt planen oder eine Ausschreibung mit Nachhaltigkeitskriterien vorbereiten oder beantworten, ordnen wir die Labels für Ihre konkrete Anforderung ein, zeigen, was ein vorhandenes Siegel abdeckt, und bauen die Argumentation für die Gleichwertigkeit auf, wo das geforderte Label fehlt. So entscheidet am Ende die Substanz – und nicht die Frage, wer zufällig das passende Logo auf dem Datenblatt hat.
Wenn Sie für ein Projekt wissen wollen, welches Siegel Sie wirklich brauchen – und womit sich eine Vorgabe belegen lässt –, sprechen Sie uns an.
Welches Siegel verlangt Ihr Projekt – und reicht das vorhandene?
Wir ordnen die Labels für Ihr Projekt ein und zeigen, womit sich eine Anforderung belegen lässt.