
Nachhaltigkeit
EPD richtig lesen: warum eine CO₂-Zahl noch keine Antwort ist
Eine Zahl, die mehr verschweigt, als sie verrät
In Ausschreibungen und Produktdatenblättern taucht immer häufiger eine einzelne Angabe auf: so und so viele Kilogramm CO₂-Äquivalent pro Produkt. Das wirkt objektiv, vergleichbar und beruhigend – endlich eine harte Zahl in einem Feld voller weicher Versprechen. Wer ein Projekt plant, Flächen einrichten lässt oder Produkte für eine Ausschreibung auswählt, kommt an dieser Zahl kaum noch vorbei.
Genau hier beginnt das Missverständnis. Eine EPD – eine Umwelt-Produktdeklaration (Environmental Product Declaration) – ist kein Gütesiegel, das ein Produkt besteht oder nicht besteht. Sie ist ein technisches Dokument, das das Ergebnis einer Ökobilanz ausweist. Und dieses Ergebnis hängt an Regeln, Annahmen und Systemgrenzen, die man kennen muss, um die Zahl überhaupt einordnen zu können. Wer zwei CO₂-Werte nebeneinanderlegt, ohne diese Grenzen zu prüfen, vergleicht in den meisten Fällen Äpfel mit Birnen.
Dieser Beitrag zeigt, worauf es beim Lesen einer EPD ankommt – und warum die ehrlichste Antwort fast nie „dieses Produkt ist das nachhaltigere” lautet, sondern „kommt darauf an, was genau in dieser Zahl steckt”.
Die Zahl ist ein Rechenergebnis, kein Messwert
Eine EPD gehört zu den sogenannten Typ-III-Umweltdeklarationen (nach ISO 14025). Sie beruht auf einer Ökobilanz, einer Lebenszyklusanalyse (LCA), die die Umweltwirkungen eines Produkts über seine Lebensphasen hinweg berechnet. Anders als ein klassisches Siegel kennt sie keinen Schwellenwert: Sie sagt nicht „gut” oder „schlecht”, sie weist eine Zahl aus.
Gerechnet wird dabei nicht frei, sondern nach festen Spielregeln – den Product Category Rules (PCR). Diese Regeln legen kategoriespezifisch fest, wie zu rechnen ist. Für Sitzmöbel laufen sie als Erweiterung der Gebäudenorm EN 15804. Ausgestellt werden EPDs über sogenannte Programmbetreiber (etwa EPD Norway, Environdec in Schweden oder EPD Italy). Dasselbe Produkt kann bei zwei Betreibern leicht unterschiedliche Zahlen ergeben, weil regionale Berechnungsfaktoren abweichen – die Struktur bleibt gleich, die Differenz liegt im Detail.
Die erste sinnvolle Frage vor einer EPD ist deshalb nicht „wie hoch ist die Zahl?”, sondern „nach welchen Regeln und von wem wurde sie gerechnet?”.
Der wichtigste Punkt: welche Lebensphasen die Zahl überhaupt enthält
EN 15804 teilt den Lebenszyklus in Module. Vereinfacht:
- A1–A3 – Rohstoffe, Transport zum Werk, Produktion. Hier liegt bei Möbeln meist der größte Teil der Wirkung.
- A4 – Transport zum Kunden.
- A5 – Einbau und Montage.
- B1–B7 – Nutzungsphase (Reinigung, Reparatur, Austausch).
- C1–C4 – Lebensende (Demontage, Transport, Entsorgung).
- D – Gutschriften aus Recycling oder Verbrennung – und zwar separat ausgewiesen.
Entscheidend ist nun: Eine EPD muss nicht alle Module abdecken. Eine Zahl, die nur A1–A3 umfasst („cradle to gate”, bis zum Werkstor), ist systematisch niedriger als eine Zahl, die den vollen Lebensweg A1–C4 abbildet („cradle to grave”). Das ist kein Trick, sondern Logik – aber es macht die beiden Werte unvergleichbar.
Ein Beispiel: Ein Komponentenhersteller, der eine Sitzschale zuliefert, rechnet oft nur bis zum eigenen Werkstor, weil er gar nicht weiß, wo das Bauteil am Ende landet. Der Hersteller des fertigen Stuhls kann dagegen den ganzen Weg bis zur Entsorgung abbilden. Legt man beide Zahlen nebeneinander, sieht das Bauteil „besser” aus – obwohl schlicht weniger gerechnet wurde.
Die Kernfrage beim Lesen jeder EPD lautet deshalb: Welche Module deckt sie ab? Ohne diese Angabe ist die Zahl für einen Vergleich wertlos.
Modul D: die grüne Gutschrift, die man nicht abziehen darf
Ein besonders häufiger Trugschluss betrifft Modul D. Wird ein Produkt am Lebensende recycelt oder verbrannt, entsteht daraus eine Gutschrift – etwa, weil andernorts Energie eingespart wird. Diese Gutschrift wird in Modul D ausgewiesen, steht dort aber getrennt und darf nicht einfach von der Produktbilanz abgezogen werden.
Konkret: Hat ein Produkt eine Bilanz von 10 und zeigt in Modul D eine Gutschrift von 20, dann ist die Bilanz des Produkts trotzdem 10 – nicht minus 10. „Klingt grün” bedeutet nicht „niedrigere Bilanz”. Wer Modul D in die Hauptzahl hineinrechnet, schönt das Ergebnis.

Gleiche Bezugsbasis: Funktionseinheit und Nutzungsdauer
Damit zwei EPDs überhaupt vergleichbar sind, müssen sie sich auf dasselbe beziehen. Bei Sitzmöbeln ist die Funktionseinheit typischerweise „ein Sitzplatz über eine Referenznutzungsdauer”, oft 15 Jahre.
Diese Nutzungsdauer ist allerdings kein extern vorgegebener Standard – sie wird vom Hersteller festgelegt, als Erfahrungswert. Zwei Stühle sind also nur dann fair vergleichbar, wenn ihnen dieselbe Nutzungsdauer zugrunde liegt. Und: Muss bei einem Produkt etwa der Schaum nach sieben Jahren getauscht werden, um die angesetzte Lebensdauer zu erreichen, gehört dieser Austausch in die Nutzungsphase (Modul B) – was die Bilanz verändert. Auch das steht oder fehlt in der EPD und will gelesen werden.
Und dann die eigentliche Frage: woher kommen die Daten?
Selbst wenn Module, Modul D und Funktionseinheit sauber geprüft sind, bleibt die vielleicht wichtigste Frage offen: Auf welchen Daten beruht die Rechnung?
Hier gilt eine klare Rangfolge:
- Primärdaten – eigene Messungen aus der realen Produktion.
- Sekundärdaten – Werte aus anerkannten Datenbanken (etwa ecoinvent).
- Literaturdaten – aus Veröffentlichungen abgeleitet.
Eine seriöse EPD deklariert, welche dieser Quellen genutzt wurde. Und das macht einen Unterschied: Eine Zahl, die auf eigenen Messdaten beruht, hat ein anderes Gewicht als eine, die aus Durchschnittsdatensätzen hochgerechnet wurde. Beides ist legitim – aber es ist nicht dasselbe.
Damit ist auch der Charakter des ganzen Dokuments benannt. Eine EPD ist eine Modellrechnung mit Annahmen und einer Unsicherheit, die je nach Datenlage durchaus spürbar ist. Sie ist belastbar und drittgeprüft – aber sie ist kein exakter Messwert auf der Nachkommastelle. Schon ein scheinbares Detail wie der Umrechnungsfaktor für Methan (nach aktuellem Stand rund 28–30 Kilogramm CO₂-Äquivalent je Kilogramm Methan über hundert Jahre, je nach Methode) ist eine methodische Festlegung, keine Naturkonstante.
Der Normalfall: Es gibt gar keine EPD
Bis hierher klingt es, als läge für jedes Produkt ein solches Dokument vor, das man nur richtig lesen müsste. In der Praxis ist das selten der Fall.
Eine EPD zu erstellen kostet Geld und Zeit – von der Datensammlung bis zur unabhängigen Verifizierung vergehen real eher Monate als Tage. Manche Hersteller haben ihren internen Prozess zertifizieren lassen und können EPDs zügig ausstellen. Andere liefern auf Anfrage erst nach Wochen etwas – oder gar nichts. Für ein konkretes Projekt bedeutet das fast immer: Für einen Teil der ausgewählten Produkte liegen geprüfte Zahlen vor, für einen anderen Teil nicht. Und für manche wird es nie eine geben.
Das ist der Punkt, an dem sich seriöse von oberflächlicher Arbeit trennt. Die unehrliche Antwort wäre, eine Gewissheit zu suggerieren, die es nicht gibt – oder die wenigen vorhandenen Zahlen so zu präsentieren, als deckten sie das ganze Projekt ab. Die belastbare Antwort lautet anders:
Man bewertet, was an geprüften Daten tatsächlich vorliegt. Für den Rest macht man die Lücke sichtbar und arbeitet sauber damit weiter – über Sekundärdaten, über Vergleichswerte ähnlicher Produkte, über nachvollziehbare Schätzungen und Hochrechnungen, immer mit offen genannten Annahmen. Eine als Schätzung gekennzeichnete Zahl ist ehrlicher und im Zweifel brauchbarer als eine scheingenaue Angabe ohne erkennbare Grundlage.
„CO₂-negativ” und biogener Kohlenstoff – ein Sonderfall mit Tücken
Bei Holz und Papier taucht regelmäßig das Versprechen auf, ein Produkt sei „CO₂-neutral” oder sogar „CO₂-negativ”, weil der Baum beim Wachsen Kohlenstoff aufgenommen hat. Die PCR setzt diesen biogenen Kohlenstoff in der Regel auf null: Was beim Wachsen aufgenommen wurde, wird am Lebensende – bei Verrottung oder Verbrennung – wieder frei. Der Kreislauf ist ausgeglichen, die Bilanz null, nicht negativ.
Negativ wird sie nur, wenn der Kohlenstoff am Lebensende dauerhaft gebunden bleibt – etwa über ein konkretes Verfahren, das ihn stabil im Boden festlegt, statt ihn zu verbrennen. Ohne ein solches belegbares Modell ist ein „CO₂-negativ”-Claim nicht haltbar. Die nützliche Gegenfrage lautet schlicht: Was passiert am Lebensende, und gibt es dafür ein konkretes, nachweisbares Modell? Solche Aussagen werden zudem rechtlich heikler, je näher striktere Vorgaben gegen irreführende Umweltwerbung rücken.
Was das für Ihr Projekt bedeutet
Eine EPD ist ein wertvolles Werkzeug – aber nur in den Händen von jemandem, der sie lesen kann. Sie liefert keine Rangliste und keine eine Zahl, die die nachhaltigere Wahl beweist. Sie liefert ein Dokument mit Grenzen, Annahmen und Lücken, aus dem erst durch sorgfältige Bewertung eine fundierte Entscheidung wird.
Das ist kein Mangel, den man wegreden sollte, sondern die Realität eines komplexen Themas. Und genau hier sehen wir unsere Rolle: Wenn Sie ein Büro planen, Flächen einrichten oder die Nachhaltigkeitskriterien einer Ausschreibung erfüllen müssen, lesen wir die Zahlen gemeinsam mit Ihnen, benennen klar, was belastbar ist und was geschätzt, und schließen die Lücken so transparent wie möglich – statt eine Sicherheit zu verkaufen, die es nicht gibt. So können Sie Ihre Produktentscheidungen belastbar begründen – gegenüber Auftraggebern, im Team oder in einem Zertifizierungsprozess. Eine gute Entscheidung braucht am Ende beides: belastbare Daten, wo sie vorliegen, und ehrliches Urteil, wo sie es nicht tun.
Wenn Sie für ein konkretes Projekt wissen wollen, welche der vorgesehenen Produkte wirklich belegbare Werte mitbringen – und was sich daraus seriös ableiten lässt –, sprechen Sie uns an.
Welche Zahlen halten, was sie versprechen?
Wir lesen EPDs und Zertifikate gemeinsam mit Ihnen – und sagen klar, was belastbar ist und was geschätzt.