
Nachhaltigkeit
Beständigkeit ist Nachhaltigkeit
Der Stuhl ist sechs Jahre alt. Die Gasfeder gibt nach, eine Armlehne wackelt, sonst ist er in Ordnung. Dann stellt sich heraus, dass es das passende Teil nicht mehr gibt oder dass es samt Montage fast so viel kostet wie ein neuer Stuhl. Am Ende werden nicht drei Stühle repariert, sondern dreißig ersetzt, damit wieder alles zusammenpasst.
Der Stuhl selbst wäre oft noch lange gut gewesen. Es fehlt ein Teil, und über Teile wird beim Kauf so gut wie nie gesprochen.
Was das neue Recht auf Reparatur daran ändert
Am 17. Oktober ist der Internationale Tag der Reparatur. Er fällt in ein Jahr, in dem sich rechtlich einiges bewegt hat. Mit dem Gesetz vom 16. Juli 2026 hat Deutschland die EU-Richtlinie zum Recht auf Reparatur umgesetzt, die neuen Regeln gelten für Kaufverträge ab dem 31. Juli 2026.
Für Büromöbel ändert das allerdings wenig. Die neue Reparaturpflicht der Hersteller gilt nur für Produktgruppen, die im Anhang der Richtlinie stehen, etwa Waschmaschinen, Kühlgeräte oder Smartphones, und nur gegenüber Verbrauchern. Möbel stehen nicht auf dieser Liste. Zwar zählt die Reparierbarkeit jetzt ausdrücklich zur üblichen Beschaffenheit einer Ware. Für Kaufverträge zwischen Unternehmen gilt das aber erst, wenn sie ab dem 1. Januar 2028 geschlossen werden, und die Vertragspartner können es vertraglich ausschließen.
Auch die Ökodesign-Verordnung der EU wird hier noch dauern. Möbel gehören zu den Produktgruppen, für die die Kommission Anforderungen vorbereitet. In einer laufenden Vorstudie werden unter anderem Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Zerlegbarkeit untersucht. Der Arbeitsplan der Kommission sieht die Vorgaben für Möbel vorläufig für 2028 vor, ab wann sie gelten, steht noch nicht fest.
Wer heute Büromöbel kauft, kann sich also nicht darauf verlassen, dass das Gesetz die Langlebigkeit regelt. Sie entscheidet sich bei der Auswahl und im Vertrag.
Warum sich der Blick auf die Lebensdauer lohnt
Bei Nachhaltigkeit im Büro denken die meisten zuerst an Energie, Gebäude und Fassade. Die Einrichtung wird gern übersehen, obwohl sie viel häufiger erneuert wird. Eine Studie des Architekturbüros LMN aus Seattle von 2022 geht davon aus, dass Büroflächen im Schnitt etwa alle zehn Jahre umgebaut werden. Beim Umbau des eigenen Büros 2013 bis 2015 entfiel knapp die Hälfte der grauen Emissionen der Innenausstattung auf Arbeitsplätze und Bürostühle. Über 60 Jahre gerechnet könnte der Innenausbau nach dieser Studie mehr graue Emissionen verursachen als Tragwerk und Fassade zusammen. Das ist eine Fallstudie mit Annahmen, keine allgemeine Regel. Die Richtung ist trotzdem deutlich.
Wie sich der CO₂-Fußabdruck eines Produkts zusammensetzt, haben wir im Beitrag „Carbon Footprint: warum die Lieferkette entscheidet“ beschrieben. Für jedes Möbelstück gilt dabei: Seine Herstellung ist abgeschlossen, wenn es geliefert wird. Jedes Jahr, das es länger genutzt wird, verteilt diesen Aufwand auf mehr Zeit.
Woran man Langlebigkeit vor dem Kauf erkennt
Ein Satz im Datenblatt wie „robust und langlebig“ hilft nicht weiter. Belastbarer sind ein paar Fragen, die sich vor jeder Bestellung stellen lassen.
Wie lange sind Ersatzteile lieferbar, und steht das schriftlich im Angebot? Zum Vergleich: Das EU-Umweltzeichen für Möbel verlangt fünf Jahre Garantie und fünf Jahre Ersatzteilversorgung. Der Blaue Engel für Polstermöbel, der auch gepolsterte Bürostühle umfasst, fordert, dass für Verschleißteile mindestens fünf Jahre kompatibler Ersatz bereitsteht. Die AfA-Tabelle des Bundesfinanzministeriums setzt für Büromöbel dagegen eine Nutzungsdauer von 13 Jahren an. Selbst die anspruchsvollen Zeichen decken also nur einen Teil der Zeit ab, für die ein Unternehmen tatsächlich plant. Was darüber hinausgeht, muss man beim Hersteller erfragen.
Wie ist das Möbel gebaut? Verschraubt lässt es sich öffnen, verklebt meist nicht. Standardteile wie Rollen oder Gasfedern bekommt man oft auch dann noch, wenn das Modell längst ausgelaufen ist. Bezüge und Polster, die sich tauschen lassen, verlängern das Leben eines Stuhls um Jahre.
Und wie altert die Oberfläche? Manche Materialien sehen nach zehn Jahren abgenutzt aus, andere einfach benutzt. Eine Tischplatte mit Gebrauchsspuren ist kein Mangel. Sie zeigt, dass hier gearbeitet wird.

Bestand ist kein Restposten
Die nachhaltigste Einrichtung ist oft die, die schon da ist. Vor einer Neuanschaffung lohnt deshalb ein ehrlicher Blick auf den Bestand: Was ist gut erhalten, was lässt sich aufarbeiten, was muss wirklich ersetzt werden?
Wie das in Zahlen aussieht, zeigt ein Projekt, das wir gerade gerechnet haben: rund 100 stapelbare Schalenstühle, ein Designklassiker, dessen Hersteller ein eigenes Aufarbeitungsprogramm betreibt. Die Frage des Kunden war, ob er neu kaufen oder den Bestand erhalten soll. Wir haben die Wege nebeneinandergelegt, jeweils mit Logistik und Lieferung, und den Neukauf zu üblichen Konditionen als 100 Prozent gesetzt.
Die Aufarbeitung im Werk des Herstellers liegt bei rund 67 Prozent, also etwa zwei Dritteln. Die Stühle werden zerlegt, das Furnier der Schalen wird abgeschliffen und neu lackiert, Kleinteile und Gleiter werden erneuert, und der Hersteller gibt wieder zehn Jahre Garantie. Rund ein Achtel des Neupreises entfällt dabei allein auf die Logistik: einsammeln, palettieren, ins Werk bringen. Dazu kommt die Zeit. Rund vier Monate sind die Stühle weg, der Neukauf wäre nach acht bis zehn Wochen da.
Sollen bei der Aufarbeitung auch die Gestelle erneuert werden, landet man bei etwa 94 Prozent, also fast beim Neupreis. Nur die Gestelle vor Ort zu tauschen, ist mit rund 52 Prozent der günstigste Weg, die Schalen bleiben dann aber, wie sie sind. Und selbst beim Neukauf muss der Bestand nicht in den Container: Der Hersteller kauft die alten Stühle für sein Aufarbeitungsprogramm zurück. Werden sie bei der Lieferung der neuen gleich mitgenommen, sinkt der Neukauf damit auf rund 95 Prozent. Aufgearbeitete Stühle mit neuen Gestellen sind damit immer noch etwas günstiger als neue Stühle, selbst wenn die alten Stühle beim Neukauf vom Hersteller zurückgekauft werden. Auch beim CO₂ spricht viel für sie: Die Schalen werden weiterverwendet, neu hergestellt werden nur Gestelle und Kleinteile.
Die Aufarbeitung ist also deutlich günstiger, solange die Gestelle bleiben können. Müssen sie mit erneuert werden, liegt sie noch rund sechs Prozentpunkte unter dem Neukauf, gegenüber einem Neukauf mit Rückkauf der alten Stühle nur noch rund einen. Dafür bleiben die Schalen erhalten, und die vorhandenen Stühle taugen wieder für viele Jahre. Dagegen steht der längere Ausfall. Was den Ausschlag gibt, Preis, Zeit oder Erhalt, entscheidet jeder Kunde für sich. In diesem Projekt ist die Entscheidung noch offen.
Wenn ein Möbel ergonomisch nicht mehr passt oder die Aufarbeitung mehr kostet, als sie bringt, ist Ersetzen die bessere Entscheidung. Nur sollte man vorher nachgesehen und gerechnet haben.
Wenn bei Ihnen eine Neuanschaffung ansteht, schauen wir uns gern zuerst an, was schon da ist. Sprechen Sie uns an.
Was steckt noch in Ihren Möbeln?
Bevor Sie neu kaufen, schauen wir uns an, was sich aufarbeiten lässt, und achten bei allem Neuen darauf, dass es lange hält.