
Ergonomie
Der Durchschnittsmensch existiert nicht
Ein paar Wochen nach dem Bezug der neuen Fläche. Alle Arbeitsplätze sind gleich ausgestattet, derselbe Tisch, derselbe Stuhl, alles ordentlich ausgeschrieben und geliefert. Trotzdem sitzt eine Kollegin auf der vorderen Stuhlkante, weil ihre Füße sonst nicht auf den Boden kommen. Und der Kollege zwei Plätze weiter hat seinen Monitor auf einen Stapel Ordner gestellt.
Beide Arbeitsplätze erfüllen die Ausschreibung. Passen tun sie trotzdem nicht. Der Fehler liegt dabei meistens nicht im Produkt, sondern in der Annahme, für wen geplant wurde.
Der Fehler steckt im Wort „Durchschnitt“
1952 hat die US Air Force untersucht, wie viele ihrer Piloten in zehn Körpermaßen im Durchschnitt liegen, darunter Körperhöhe, Brust- und Hüftumfang. Gemessen wurden 4.063 Männer. Als durchschnittlich galt, wer in einem Maß zu den mittleren 30 Prozent gehörte. Das Ergebnis: Kein einziger lag in allen zehn Maßen im Durchschnitt. Der Bericht nennt den „durchschnittlichen Mann“ deshalb eine irreführende Grundlage für Gestaltung.
Wer einen Arbeitsplatz für den Durchschnitt plant, plant also für jemanden, den es nicht gibt.
Geplant wird in Perzentilen
Die Ergonomie arbeitet deshalb mit Perzentilen. Die Körpermaße für Deutschland stehen in der DIN 33402-2, aktuell in der Ausgabe vom Dezember 2020. Üblich ist, von der kleinen Frau im 5. Perzentil bis zum großen Mann im 95. Perzentil zu planen. Damit sind 90 Prozent der Menschen abgedeckt.
Was das heißt, zeigt die Körperhöhe. Für Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren reicht dieser Bereich von 153,5 cm bei Frauen bis 185,5 cm bei Männern. Am selben Tisch sitzen also Menschen, die gut 30 Zentimeter auseinanderliegen.
Ein zweiter Punkt wird oft übersehen: Perzentile lassen sich nicht zusammenzählen. Wer bei der Körperhöhe im 5. Perzentil liegt, hat nicht automatisch auch kurze Arme oder kurze Unterschenkel. Ein Arbeitsplatz muss deshalb in mehreren Maßen einstellbar sein, nicht nur in einem.
Was das für Tisch und Stuhl bedeutet
Für Tische mit fester Höhe nennt die DGUV Information 215-410 eine Arbeitshöhe von 740 Millimetern, plus oder minus 20. Eine einzige Höhe für eine Spanne von über 30 Zentimetern Körpergröße geht nur mit Kompromissen, etwa einer Fußstütze. Voll höhenverstellbare Tische lassen sich laut DGUV besser an kleine und große Benutzer anpassen. Für Sitz-Steh-Tische nennt sie einen Bereich von 650 bis 1.250 Millimetern.
Beim Stuhl ist es ähnlich. Die Arbeitsstättenregel ASR A6 empfiehlt eine Sitzhöhe von unter 400 bis 530 Millimetern und einen Verstellbereich von mehr als 120 Millimetern. Ein Stuhl mit kleinerem Bereich passt für einen Teil der Belegschaft von vornherein nicht.
Wo Arbeitsplätze geteilt werden, wird das noch wichtiger. Dann sitzt morgens jemand mit 1,55 m am Tisch und nachmittags jemand mit 1,90 m. Die Einstellung muss schnell und ohne Werkzeug gehen, sonst wird sie im Alltag erfahrungsgemäß gar nicht erst gemacht.
Und die übrigen zehn Prozent?
Auch der Bereich vom 5. bis zum 95. Perzentil ist nur eine Planungsgröße. Fünf Prozent der Frauen sind kleiner, fünf Prozent der Männer größer. Ich gehöre mit 1,96 m selbst dazu und kenne Konferenzstühle, auf denen die Knie höher sind als die Hüfte.
Für diese Menschen braucht es eine eigene Lösung, einen anderen Stuhl oder einen Tisch mit größerem Verstellbereich. Wer weiß, wer an den Plätzen sitzen wird, kann das von Anfang an einplanen, statt es nach den ersten Beschwerden nachzurüsten.
Planen für die Menschen, die tatsächlich da sind
Human First heißt hier ganz praktisch: erst schauen, wer an den Arbeitsplätzen sitzt, dann Tische und Stühle auswählen. Welche Büroform zu welcher Arbeit passt, haben wir im Beitrag „Welche Büroform passt zu welcher Arbeit?“ beschrieben. Danach stellt sich die Frage nach den Menschen an jedem einzelnen Platz.
Wenn Sie neue Arbeitsplätze planen, beginnen wir gern mit der Frage, wer daran arbeiten wird. Sprechen Sie uns an.
Für wen planen Sie Ihre Arbeitsplätze eigentlich?
Wir schauen uns an, wer in Ihrem Büro tatsächlich arbeitet, und wählen Tische und Stühle so, dass sie zu diesen Menschen passen.